rueckenwind1

Die fehlende Vision... (Teil 1)

Wer sich mit mir innerhalb des letzten Jahres über Politik und Wirtschaft unterhalten hat, wird in meinen Anschauungen einen deutlichen Wandel festgestellt haben. Lag noch vor einem Jahr mein Hauptanliegen darin, tragfähige Ideen für eine nachkapitalistische Zukunft zu finden, bin ich nun in meinen Ansichten ziemlich "grün" und beschäftige mich damit, wie unsere dringensten Probleme auf sozial und ökologisch verträgliche Weise gelöst werden können.

Und dennoch...

...bin ich mir immer noch nicht so sicher, ob unsere jetzige Gesellschaftsordnung das nonplusultra ist, geschweige denn auf Dauer das kleinste Übel. Nein, ich möchte keine Revolution, weder eine blutige noch eine gewaltlose. Aber ich frage mich doch, ob wir die Herausforderungen des 21.Jahrhunderts mit den bisher erprobten Rezepten lösen können. Deswegen bin ich der Meinung, dass besonders folgende Themen, die ich nach und nach in den nächsten Wochen mal kurz anschneiden werde, mal etwas ausführlicher besprochen werden sollten:

1. Wachstum: Natürlich, die düsteren Prognosen des Club of Rome haben sich nicht bewahrheitet und dennoch ist das Thema nicht abgehakt. Nicht, dass ich Wachstum prinzipiell für etwas schlechtes halten würde, aber was ich bezweifle ist, dass es wirklich über die nächsten Jahrzehnte möglich ist, konstant ein Wachstum von ca. 3% zu erreichen. Wenn jedes Kind seinen Fernseher im Zimmer hat, wird eben nur noch ein Fernseher gekauft, wenn er kaputt geht oder wenn man so viel Geld hat, dass man sein Lebenstech-Billigprodukt gegen einen Plasmafernseher mit 90cm-Bildröhre tauschen kann. Aber die rasant ansteigenden Löhne, die für letzteres Notwendig wären, sind innerhalb der nächsten Jahre wohl doch ein klitzekleines bisschen zu utopisch, um wirklich mit ihnen zu rechnen. Wirkliches Wachstum wäre im sozialen Bereich nötig. Wir bräuchten im Zukunft mehr Altenpfleger, mehr Betreuungsangebote für Kinder, bessere Jugendzentren und Integration junger Ausländer. Würden diese Angebote ermöglicht, würde das auch nicht nur den Konsum, sondern auch die Lebensqualität aller Bürger erhöhen. Dummerweise sind all diese Bereiche relativ stark auf öffentliche Finanzierung angewiesen. Und öffentliche Finanzierung kann in Zeiten von Globalisierung und wirtschaftlicher Stagnation leider nicht mehr so stattfinden wie in den frühen 70ern.
Und so ganz vernachlässigbar erscheint mir beim Thema Wachstum die Umwelt denn auch nicht: Klar, "Umweltschutz muss man sich auch erst einmal leisten können" (Bofinger), aber um eine erforderliche Verdoppelung der Wirtschaftskraft in weniger als 25 Jahren ökologisch verträglich zu gestalten, bedürfte es auch hier gewaltiger Investitionen. Aber ehrlich gesagt, scheint es mir da gerade in einer großen Koalition am notwendigen Willen zu mangeln bei einer Kanzlerin, die gerne den Anteil an alternativen Energien deckeln möchte und einer Partei, die sich im Wahlkampf zwar mal gerne des Atomausstiegs bedient, aber dafür gerne viel Geld für hohe CO2-Emissionen via Kohle ausgibt.

Wir müssen Mechanismen finden, wie wir das Sozialwesen auf eine solide finanzielle Basis stellen können und gerade auf eine Expansion umweltfreundlicher Technik setzen. Aber es geht auch darum, die Wirtschaftsbeziehungen auch so zu ordnen, dass Volkswirtschaften auch bei niedrigem Wachstum nicht in Krisen stürzen.

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