rueckenwind1

Unbefriedigende Antwort

Auch wenn ich eigentlich kein Markenfetischist bin, muss ich doch zugeben, dass ich die Sweatshirts eines relativ weit verbreiteten Herstellers besonders gerne trage. Leider ist sie in der Vergangenheit nicht durch besonders arbeitnehmerfreundliche Lohn-, Gewerkschafts- und Gesundheitspolitik aufgefallen.

Weil ich ihre Sweatshirts so mag, diese aber eigentlich nicht weiterhin mit einem schlechten Gewissen kaufen möchte, habe ich dem Unternehmen eine E-Mail geschrieben, in der ich Vorwürfe bezüglich der Arbeitsbedingungen in Fabriken dieses Unternehmens in Zentralamerika zitierte und anfragte, ob unabhängige Berichte verfügbar seien, die dem Konzern Besserung bescheinigen.

Die Antwort war ziemlich unbefriedigend und enthielt einen Verweis auf die günstigen Arbeitsverhältnisse in Fabriken in einer ganz anderen Ecke der Welt. Was soll ich nun davon halten? Und was davon, dass auch für diesen Teil der Welt dem Konzern vorgeworfen wird, Bestrebungen zur Vereinigung von Arbeitern zu blockieren?
Rayson - 1. Sep, 00:48

No logo? No problem!

Wie Johan Norberg in seinem Buch "Das kapitalistische Manifest" zusammenfasst, ist es für die Arbeiter in Entwicklungsländern so ziemlich das beste, was ihnen passieren kann, in den Dependancen der westlichen Konzerne zu arbeiten.

Die Arbeitsbedingungen sind im Vergleich zu unseren zwar miserabel, aber bezogen auf die dortigen Verhältnisse außerordentlich fortschrittlich. Die Alternative für die Arbeitnehmer dieser Betriebe ist

a) kein Job
b) ein Job unter schlechteren Bedingungen

Wenn du also den Leuten des Herstellerlandes einen Gefallen tun möchtest, dann kauf so viele Sweatshirts von denen wie möglich.

dointime - 1. Sep, 15:24

eine noch bessere Alternative

Mir geht es ja nicht darum, dass die Arbeiter in einem Schwellenland 3000€ Netto bei einer 35-Stunden-Woche verdienen (obwohl das natürlich schön für sie wäre).

Aber ich halte es für absolut unnötig, dass Menschen ewig lange für Löhne arbeiten, die selbst gemessen an den üblichen Löhnen im Herstellungsland niedrig sind, wenn es die Wettbewerbssituation des Konzerns in Europa kein bisschen schwächen würde, wenn er seine Waren für einen halben Euro mehr verkaufen würde und dafür seinen Arbeitern ordentliche Bedingungen bieten würde. Es stimmt, schlimmer als von den Multis überrollt zu werden, ist es, nicht von ihnen überrollt zu werden, aber die erste Option kann für die Betroffenen wesentlich angenehmer werden, wenn wir Konsumenten im Westen uns dafür interessieren, woher unsere Produkte kommen und wie sie produziert werden.

Leider gibt es in Deutschland bisher kaum brauchbare Fair-Trade-Textilien, aber ich hoffe, dass die Markenfirmen in Zukunft durch ein entsprechendes Angebot Konkurrenz bekommen werden.

Rayson - 1. Sep, 22:02

Marktwirtschaft...

... heißt auch, dass jede Art von Nachfrage ihr Angebot finden sollte. Vielleicht nicht so ganz so billig (nicht nur wegen höherer Produktions- , sondern auch wegen höherer Informationskosten), aber sie sollte da sein. Und je mehr Menschen das so sehen, um so mehr wird sich das Angebot ändern.

Allerdings besteht dann auch die Gefahr, dass den Menschen in den Entwicklungsländern durch die gutgemeint hohen Löhne ihr Wettbewerbsvorteil verloren geht und dass der Betrieb (oder noch unmerklicher: neue Betrieb) dann in einem Land mit gleichen Löhnen, aber höherer Produktivität errichtet wird. So können die Menschen auch von den "unwürdigen" Arbeitsbedingungen "befreit" werden.

Es geht bei allem guten "fair trade"-Willen dauerhaft nur über die Spirale Lohn - Kapital - Produktivität - mehr Lohn.

dointime - 2. Sep, 15:13

Berechtigtes Argument

"Allerdings besteht dann auch die Gefahr, dass den Menschen in den Entwicklungsländern durch die gutgemeint hohen Löhne ihr Wettbewerbsvorteil verloren geht und dass der Betrieb (oder noch unmerklicher: neue Betrieb) dann in einem Land mit gleichen Löhnen, aber höherer Produktivität errichtet wird."

Das stimmt, diese Gefahr besteht. Aber erstens ist die Produktivität ja nur begrenzt von der geographischen Lage abhängig und zweitens ist es allgemein fraglich, ob bei man für diese geringfügig höheren Löhnen schon anderswo ein entscheidendes Plus an Produktivität erhalten würde. Der Preis für die Einrichtungen, die für akzeptable Arbeitsbedingungen notwendig sind (Klimaanlagen, sanitäre Einrichtungen) dürfte sowieso vergleichbar sein, da diese ja selten von lokalen Produzenten bereitgestellt werden.
Rayson - 3. Sep, 12:07

Hängt wahrscheinlich davon ab

Wenn es bei nur geringfügig höheren Entlohnungen bliebe, denen dann auch wegen der Interessen informierter Konsumenten bessere Umsatzchancen gegenüberstehen, düfte die Gefahr natürlich relativ gering sein. Ich wäre der Letzte, der das beklagte. Und wenn mir das Zeugs nicht so bitter schmecken würde, würde ich auch weiter den fair gehandelten Ökokaffee für ein paar Euro mehr kaufen...

Aber wie gesagt, die Konzerne zahlen an lokalen Verhältnissen gemessen meist schon sehr gut und bieten auch deutlich bessere Arbeitsbedingungen. Eine allgemeine Verbesserung des Wohlstands geht letztlich nur so - der Rest ist Verzierung, die uns hier ein besseres Gewissen und hoffentlich wenigstens einem kleinen Teil der Produzenten ein besseres Einkommen verschafft.
dointime - 3. Sep, 13:05

Öffentlicher Druck

"Und wenn mir das Zeugs nicht so bitter schmecken würde, würde ich auch weiter den fair gehandelten Ökokaffee für ein paar Euro mehr kaufen..."
Mal den El Pedro-Kaffee probiert? Der schmeckt eigentlich ganz gut...

"Aber wie gesagt, die Konzerne zahlen an lokalen Verhältnissen gemessen meist schon sehr gut und bieten auch deutlich bessere Arbeitsbedingungen."
Ja, vielleicht, aber auch nicht immer und ich habe den Eindruck, als hätte sich gerade dadurch etwas verbessert, dass in den letzten Jahren Druck auf die Konzerne ausgeübt wurde und über ausbeuterische Bedingungen informiert wurde (das Schwarzbuch Markenfirmen zum Beispiel hat sich ja gar nicht so schlecht verkauft, glaube ich). Das ist ja auch der Vorteil der großen Marken, sie sind angreifbar und sie müssen eigentlich ein Interesse daran haben, dass ihr Ruf nicht ramponiert wird. Schön wäre es, wenn sich der Druck durch eine höhere Anzahl an kritischen Konsumenten und z.B. auch durch die Verbreitung ethischer Kapitalanlagen vergrößern ließe. So aussichtslos ist das vielleicht gar nicht...
Rayson - 6. Sep, 23:00

Wie es euch gefällt

"Das ist ja auch der Vorteil der großen Marken, sie sind angreifbar und sie müssen eigentlich ein Interesse daran haben, dass ihr Ruf nicht ramponiert wird."

Stimmt.

"Schön wäre es, wenn sich der Druck durch eine höhere Anzahl an kritischen Konsumenten und z.B. auch durch die Verbreitung ethischer Kapitalanlagen vergrößern ließe. So aussichtslos ist das vielleicht gar nicht..."

Ich glaube, dass das möglich ist. Aber nur in Grenzen. Und die hängen *nicht* von dem ab, was wir tun.

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