"Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch überall in Ketten."
Diese berühmten Worte des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau eignen sich nicht nur hervorragend für die Einleitung einer jeden revolutionären Schrift, nein, sie und vor allem der Wert der individuellen Freiheit wurden auch zu einem der Leitsätze, die sich das Abendland seit dem Zeitalter der Vernunft auf die Fahnen schreibt. Und obwohl der Begriff Freiheit nur allzu oft zu propagandistischen Zwecken missbraucht wurde und die real existierende Freiheit ihrer philosophischen Schwester nur selten entsprach, ist die Tatsache doch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Menschen in westlichen Gesellschaften in vielen Punkten freier sind, als diejenigen, deren Länder nicht den Prozess der Aufklärung und der Bildung repräsentativer Demokratien durchlaufen haben. Wenigstens wird man hierzulande nicht staatlich verfolgt, wenn man nicht die Konfession der Mehrheit teilt und sogar Menschen aus unteren Schichten haben wenigstens theoretisch die Chance, Erfolg zu haben.
Doch wie sieht es um die Zukunft der theoretischen Grundbedingung des Lebens eines Individuums in einer Demokratie wie der unseren aus?
Na ja, die Pressefreiheit kämpft um ihre Existenz gegen Staat und Fusionen, das Innenministerium hat Spaß daran, persönliche Daten zu sammeln und insgesamt sind wir doch recht erfolgreich konditioniert worden, wenn es darum geht, Bedürfnisse zu decken, die wir gar nicht haben (aber darauf einzugehen, steht ja jedem frei ;-))
Aber abgesehen von diesen mehr oder weniger offensichtlichen Gefährdungen der Freiheit des Einzelnen, bilden sich bei mir auch dann meine gutmenschlichen Sorgenfalten, wenn ich mir Gedanken über die Freiheiten des Einzelnen auf dem freien Markt mache.
Nein, ich halte die Marktwirtschaft nicht grundsätzlich für totalitär, im Gegenteil, auch wenn eine marktwirtschaftliche Ordnung nicht in der Lage ist, persönliche Freiheiten mit absoluter Sicherheit garantieren zu können, bietet sie doch wenigstens eine höhere Wahrscheinlichkeit dafür, dass im Gegensatz zu den planwirtschaftlichen Systemen der Vergangenheit z.B. auch politisch Unbequeme einen Job erhalten können oder unliebsame Zeitungen arbeiten können, weil sie nicht auf staatliches Papier angewiesen sind (Gut dargestellt ist dieser Sachverhalt übrigens von Milton Friedman in
"Kapitalismus und Freiheit" dargestellt worden).
Und dennoch: Können Menschen wirklich frei genannt werden, wenn sie durch den „stummen Zwang der Verhältnisse“, sprich die Angst vor Arbeitslosigkeit dazu gezwungen werden, so „flexibel“ zu sein, dass familiäre und freundschaftliche Bindungen oft bis zum Zerreißen angespannt werden? Ergibt sich eine Perspektive für persönliche Freiheit wenn dem technischen Fortschritt zum Trotz vor dem Hintergrund transnationaler Standortkonkurrenz die Arbeitszeiten auf der einen Seite länger werden und auf der anderen Seite Beschäftigungsverhältnisse entstehen, die längerfristige Lebensplanung unmöglich machen?
Vielleicht gibt es ein Lösung für diese Problemstellungen, auch wenn die BILD-Zeitung und auch sehr viel ernstzunehmendere Zeitgenossen als deren Autoren nicht von ihr begeistert sein werden - besteht doch die Gefahr, dass „Sozialschmarotzern“ Tür und Tor geöffnet wird. Die mögliche Alternative heißt bedingungsloses Grundeinkommen.
Laut dem
„Netzwerk Grundeinkommen“ soll dieses folgende Bedingungen erfüllen. Es soll:
- existenzsichernd sein im Sinne der Sicherung einer basalen gesellschaftlichen Teilhabe,
- einen individuellen Rechtsanspruch darstellen,
- ohne Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden und
- keinen Zwang zur Arbeit bedeuten.
Aus diesen Bedingungen geht natürlich hervor, dass dieses Grundeinkommen nicht ganz billig werden könnte. Dennoch, es hat mehrere Vorteile:
1. Ist die Vertragsfreiheit beim Abschluss eines Arbeitsvertrages zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wieder wert, so genannt zu werden. Ohne Pistole (= die Kürzungsdrohungen der Bundesagentur für Arbeit) im Rücken steht es dem Arbeitnehmer trotz allgemein hoher Arbeitslosigkeit frei, eine Arbeit anzunehmen oder nicht.
2. Würde dieses Modell zweifellos dazu führen, dass, wenigstens bei entsprechendem Angebot, verstärkt Gebrauch von Teilzeitarbeitsmodellen gemacht würde, was
3. dazu führen würde, dass sowohl Arbeitnehmer mehr freie Zeit hätten, als auch
4. die Kosten für ein solches System eventuell gar nicht so viel höher ausfallen würden als für unser gegenwärtiges Modell. Hierzu würde nicht nur die angenommene Senkung der Arbeitslosigkeit beitragen, sondern auch der Wegfall von Bedürftigkeitsprüfungen, umständlichen Antragsformularen, verschiedenen Hilfsquellen und einigem mehr an Bürokratie. Außerdem hätten Arbeitsamtsbeschäftigte nun tatsächlich mehr Zeit, bei der Vermittlung von Arbeit zu helfen und individuell zu betreuen.
Zugegeben, auch dann müsste man noch über zusätzliche Finanzierungsquellen nachdenken und ein weiteres Problem ist die Frage, wie die Gesellschaft z.B. mit Lebensentwürfen umgehen müsste, die ein garantiertes Grundeinkommen vor allem als Bezugsgarantie für Alkohol auffassen würden. Nur scheint doch die Mehrheit der 5 Millionen Menschen in Deutschland ohne Arbeit auch kein so wirklich befriedigendes Leben zu führen, so dass die Befürchtung, dass breite Massen die Gelegenheit nutzen würden, um gänzlich aus dem Arbeitsprozess auszusteigen und damit das System kollabieren zu lassen, wohl doch eher unwahrscheinlich ist.
Und noch etwas spricht für die Einführung eine Grundeinkommens: Die Tatsache, dass der Wert jedes einzelnen Menschen ohne Berücksichtung seiner Leistungsfähigkeit sich endlich auch in konkreten Leistungen zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse äußern würde.
dointime - 28. Nov, 19:40